Gold gerät unter Druck

Dietmar Schreier

Inflationsschub nimmt dem Edelmetall den Rückenwind

Der Goldpreis ist erneut unter Druck geraten und hat damit seine jüngste Schwäche fortgesetzt. Am Mittwoch fiel das Edelmetall den zweiten Handelstag in Folge und rutschte zeitweise auf rund 4.680 US-Dollar je Feinunze, im Tagesverlauf auch in Richtung 4.660 Dollar. Für ein Metall, das in Krisenzeiten normalerweise als sicherer Hafen gilt, ist das eine bemerkenswerte Entwicklung. Denn die geopolitische Lage bleibt angespannt, die Energiepreise hoch und die Unsicherheit an den Märkten groß. Trotzdem verliert Gold an Boden.

Der Grund dafür liegt nicht in einer plötzlichen Entspannung der Weltlage, sondern in der Geldpolitik. Die Märkte reagieren zunehmend nervös auf neue Inflationsdaten aus den USA. Dort zeigt sich, dass der Preisauftrieb nicht wie erhofft zurückgeht, sondern wieder stärker wird. Und genau das ist für Gold derzeit ein Problem. Denn obwohl das Edelmetall traditionell als Schutz gegen Inflation gilt, leidet es, sobald Anleger davon ausgehen, dass die Zinsen länger hoch bleiben oder sogar noch steigen könnten.

Erzeugerpreise in den USA schocken die Märkte

Auslöser des jüngsten Rückgangs waren neue Daten zu den Erzeugerpreisen in den Vereinigten Staaten. Diese stiegen im April deutlich stärker als erwartet und verzeichneten den kräftigsten Anstieg seit Anfang 2022. Treiber dieser Entwicklung waren vor allem höhere Handelskosten und deutlich gestiegene Energiepreise im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg.

Gerade die Erzeugerpreise gelten als wichtiger Frühindikator. Wenn Unternehmen auf der Produzentenseite deutlich höhere Kosten tragen müssen, schlägt sich das oft später auch bei den Verbraucherpreisen nieder. Für die Finanzmärkte ist das ein klares Warnsignal. Denn es verstärkt die Sorge, dass sich die Inflation in den USA hartnäckiger festsetzt, als viele zuletzt gehofft hatten.

Auch die Verbraucherpreise ziehen weiter an

Schon einen Tag zuvor hatte ein weiterer Datensatz die Märkte aufgeschreckt. Die Verbraucherpreise in den USA waren im vergangenen Monat auf 3,8 Prozent gestiegen. Das war der höchste Stand seit Mai 2023. Damit verdichtet sich das Bild, dass die Inflation nicht nur punktuell zulegt, sondern auf breiterer Front wieder anzieht.

Für die Notenbank und die Anleger ist das von zentraler Bedeutung. Denn mit jeder neuen Inflationsüberraschung sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik bald lockern kann. Genau diese Hoffnung hatte Gold in den vergangenen Monaten immer wieder gestützt. Wenn sie nun wegbricht, fehlt dem Edelmetall ein wichtiger Preistreiber.

Die Hoffnung auf Zinssenkungen schwindet rapide

Die Reaktion der Märkte fiel entsprechend deutlich aus. Nach den jüngsten Preisdaten rechnen viele Investoren inzwischen nicht mehr mit einer US-Zinssenkung im laufenden Jahr. Genau diese Neubewertung belastet Gold besonders stark.

Der Zusammenhang ist klar: Gold wirft selbst keine laufenden Erträge ab. Es zahlt weder Zinsen noch Dividenden. Solange die Zinsen niedrig sind, fällt dieser Nachteil weniger ins Gewicht. Steigen die Zinsen jedoch oder bleiben sie länger hoch, werden verzinste Anlagen attraktiver. Dann fließt Kapital eher in Anleihen oder andere zinstragende Produkte, während Gold an Attraktivität verliert.

Der Chefstratege Peter Grant von Zaner Metals brachte diese Entwicklung auf den Punkt. Er sagte: „Die Inflation hält sich hartnäckig. Das bestärkt die Erwartung, dass die Zinsen länger auf einem höheren Niveau bleiben werden.“ Genau diese Erwartung lastet derzeit schwer auf dem Edelmetall.

Hohe Zinsen verdrängen Gold aus vielen Depots

Die aktuelle Schwäche des Goldpreises wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Schließlich gilt Gold seit Jahrzehnten als klassische Absicherung gegen Währungsentwertung und unsichere Zeiten. Doch in Phasen steigender oder hartnäckig hoher Inflation entscheidet eben nicht nur der Preisanstieg selbst, sondern auch die Reaktion der Notenbanken.

Und genau hier liegt das Problem. Wenn hohe Inflation nicht zu schneller geldpolitischer Lockerung, sondern zu dauerhaft hohen Zinsen führt, wird Gold unter Druck gesetzt. Dann überwiegt für viele Anleger nicht mehr die Inflationsschutz-Funktion, sondern der Nachteil, dass das Metall keine laufenden Erträge bringt. In einem Umfeld hoher Renditen auf andere Anlageformen wirkt das wie ein Bremsklotz.

Indien dämpft die Nachfrage zusätzlich

Neben den Zinssorgen belastet ein weiterer Faktor den Goldmarkt: Indien hat seine Importzölle auf Gold und Silber von 6 Prozent auf 15 Prozent angehoben. Das ist ein erheblicher Sprung und für den Markt alles andere als nebensächlich. Indien ist der zweitgrößte Verbraucher von Edelmetallen weltweit. Wenn dort Einfuhren deutlich teurer werden, wirkt sich das direkt auf die globale Nachfrageerwartung aus.

Gerade bei Gold spielt die physische Nachfrage eine große Rolle. Schmuckkäufe, Investitionen in Barren und Münzen sowie saisonale Nachfrage in großen Konsumländern haben oft spürbaren Einfluss auf den Markt. Höhere Einfuhrzölle in Indien lassen deshalb sofort die Sorge aufkommen, dass ein wichtiger Absatzkanal schwächer werden könnte.

Auch Peter Grant verwies auf diesen Punkt und erklärte, dass die Nachricht aus Indien zusätzliche Nachfragesorgen ausgelöst habe. In Kombination mit den Zinssorgen ergibt sich daraus eine doppelte Belastung für den Goldpreis.

Trump-Xi-Treffen wird zum nächsten Risikofaktor

Hinzu kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor, auf den die Märkte nun aufmerksam blicken: das bevorstehende Treffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping. Anleger hoffen auf Fortschritte bei der fragilen Handelspause zwischen den USA und China sowie auf mögliche Signale im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt.

Auch wenn solche Gespräche nicht unmittelbar den Goldpreis bestimmen, wirken sie stark auf die allgemeine Stimmung an den Märkten. Sollte es zu einer politischen Annäherung kommen, könnte das Risikoaversion aus dem Markt nehmen und Gold zusätzlich belasten. Bleiben die Gespräche dagegen ohne Ergebnis oder verschärfen sich die Spannungen sogar, könnte das Edelmetall wieder Rückenwind bekommen. Im Moment überwiegt jedoch klar die Vorsicht.

Gold verliert gerade an mehreren Fronten gleichzeitig

Die aktuelle Preisschwäche ist daher das Ergebnis mehrerer Belastungsfaktoren, die gleichzeitig wirken. Stärker gestiegene Erzeugerpreise, eine auf 3,8 Prozent beschleunigte Verbraucherpreisinflation, schwindende Hoffnungen auf Zinssenkungen, höhere Importzölle in Indien und die Unsicherheit rund um das Trump-Xi-Treffen setzen dem Edelmetall gleichzeitig zu.

Dass Gold trotz Krieg, Energiekrise und geopolitischer Spannungen fällt, ist deshalb kein Zeichen von Stabilität der Weltlage, sondern Ausdruck einer Marktlogik, in der derzeit die Angst vor dauerhaft hohen Zinsen stärker wiegt als das Bedürfnis nach einem klassischen Krisenschutz. Genau das macht die aktuelle Bewegung so bemerkenswert und für viele Anleger so unangenehm.