Saudi-Arabien verlegt den Handel auf die Straße

Dietmar Schreier

Eine blockierte Meerenge zwingt das Königreich zum Kraftakt

Die seit Monaten blockierte Straße von Hormus hat den Welthandel am Golf schwer getroffen. Doch Saudi-Arabien reagiert nicht mit Stillstand, sondern mit einer logistischen Großoffensive, die in ihrer Größenordnung bemerkenswert ist. Statt Rohstoffe wie bisher über Häfen am Persischen Golf zu verschiffen, werden nun gewaltige Mengen per Lkw quer durch das Land an das Rote Meer transportiert. Was nach einer Notlösung klingt, entwickelt sich zu einem der spektakulärsten Improvisationsakte der jüngeren Wirtschaftsgeschichte.

Auslöser ist der Iran-Krieg, der die Route durch Hormus seit drei Monaten lahmlegt. Jahrzehntelang hatten Produzenten ihre Lieferketten auf diese zentrale Wasserstraße ausgerichtet. Nun muss das System in kürzester Zeit umgebaut werden. Genau dieser Umbau zeigt, wie stark wirtschaftlicher Druck Staaten und Unternehmen zu radikalen Lösungen zwingt.

Maaden zieht in zwei Wochen eine neue Exportachse hoch

Besonders schnell handelte der staatlich kontrollierte saudische Bergbaukonzern Maaden. Das Unternehmen fördert unter anderem Gold, Bauxit, Kupfer, Industrieminerale und Phosphat. Normalerweise werden diese Rohstoffe über Golfhäfen exportiert. Als die Route durch Hormus wegbrach, musste in Rekordzeit eine völlig neue Landverbindung organisiert werden.

Nach den vorliegenden Angaben gelang es Maaden innerhalb von nur zwei Wochen, den Transport von Düngemitteln quer durch das Königreich bis an die Küste des Roten Meeres aufzubauen. Dafür wurden nicht einige Dutzend Lastwagen eingesetzt, sondern Tausende. Der Konzern schuf damit in kürzester Zeit eine Ersatzroute für einen internationalen Handelsweg, der bis dahin als kaum ersetzbar galt.

Aus 600 wurden 3500 Lastwagen

Die Zahlen zeigen, wie schnell sich diese Notlösung ausgeweitet hat. Maaden-Chef Bob Wilt schilderte die Entwicklung drastisch: „Aus 600 wurden 1600, dann 2000. Jetzt sind 3500 Lkw vom Golf zum Roten Meer unterwegs.“ Diese Aussage verdeutlicht das Ausmaß des Kraftakts besser als jede abstrakte Analyse.

Innerhalb kürzester Zeit wurde also eine gewaltige Transportflotte aufgebaut, die inzwischen nahezu rund um die Uhr im Einsatz ist. Ziel ist es, den entstandenen Exportrückstand bis Ende Mai wieder aufzuholen. Das heißt: Saudi-Arabien versucht nicht nur, den Schaden zu begrenzen, sondern die ausgefallene Route mit maximalem Tempo teilweise zu kompensieren.

Gerade diese Dynamik macht den Vorgang so außergewöhnlich. Normalerweise entstehen solche Transportnetze über Jahre. Hier wurden sie binnen Tagen hochgezogen.

Khor Fakkan wird vom Umschlagplatz zur Lebensader

Neben den Landrouten durch Saudi-Arabien rückt auch ein Hafen in den Mittelpunkt, der lange eher als Nebenschauplatz galt: Khor Fakkan am Golf von Oman. Nach den aktuellen Entwicklungen ist dieser Hafen zu einer der wichtigsten Ersatzadern des regionalen Handels geworden.

Das zeigt sich besonders beim Lkw-Verkehr. Nach den vorliegenden Zahlen ist das tägliche Lkw-Aufkommen dort von nur 100 Fahrzeugen vor dem Konflikt auf inzwischen 7000 pro Tag gestiegen. Diese Explosion ist kaum zu überschätzen. Ein Hafen, der zuvor weitgehend als klassischer Umschlagplatz diente, wird plötzlich zu einem zentralen Knotenpunkt eines improvisierten Land-See-Systems.

Das Containeraufkommen steigt von 2.000 auf 50.000

Noch eindrucksvoller fällt der Blick auf die Containerbewegungen aus. Das wöchentliche Containeraufkommen in Khor Fakkan ist seit Beginn des Konflikts von 2000 auf 50.000 hochgeschnellt. Diese Zahl zeigt, dass sich hier nicht bloß kleinere Umleitungen vollziehen, sondern eine regelrechte Verlagerung von Handelsströmen.

Früher wurden Container dort oft nur von einem Schiff auf ein anderes umgeladen. Inzwischen verlassen ankommende Container den Hafen direkt per Lkw. Damit verändert sich die Funktion des Standorts grundlegend. Aus einem Durchgangspunkt wird ein logistischer Umschlagmotor, der Fracht aktiv weiterverteilt und damit einen Teil der regionalen Schockwelle abfängt.

900 neue Mitarbeiter in nur zwei Wochen

Um diesen gewaltigen Andrang überhaupt bewältigen zu können, musste auch die Infrastruktur in kürzester Zeit nachgerüstet werden. Das Betreiberunternehmen Gulftainer stellte innerhalb von nur zwei Wochen rund 900 neue Mitarbeiter ein. Zusätzlich wurde ein neuer Lkw-Rangierbahnhof geschaffen, um die Fracht zu sortieren und den Versand zu koordinieren.

Gerade diese organisatorische Verdichtung zeigt, wie entschlossen auf die Krise reagiert wurde. Wo sonst Genehmigungen, Ausschreibungen und lange Bauzeiten dominieren, wurde nun in einem atemlosen Tempo erweitert. Das ist kein normaler Ausbau mehr, sondern Krisenlogistik unter Hochdruck.

Saudi-Arabien widerlegt frühe Zweifel

Zu Beginn der Krise waren Zweifel groß, ob saudische Produkte den Weltmarkt überhaupt weiter erreichen könnten. Analysten des Rohstoffforschungsunternehmens CRU hatten früh infrage gestellt, ob die Exportströme aus Saudi-Arabien trotz der Blockade funktionsfähig bleiben würden.

Inzwischen zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Das Schiffsverfolgungsunternehmen Kpler registrierte bereits Phosphatladungen aus dem saudischen Hafen Yanbu am Roten Meer mit Zielorten wie Dschibuti, Thailand und Argentinien. Diese Beobachtungen belegen, dass die Umleitung nicht nur auf dem Papier funktioniert, sondern bereits reale Handelsströme erzeugt.

Damit wird klar: Saudi-Arabien hat nicht bloß improvisiert, sondern in bemerkenswerter Geschwindigkeit neue funktionierende Ausfuhrkanäle aufgebaut.

Öl und Gas leiden, andere Güter finden Ausweichrouten

Trotz aller Erfolge bleibt der Schaden groß. Die wichtigsten Exporte der Region, vor allem Öl und Erdgas, sind weiterhin stark zurückgegangen. Gerade diese Mengen lassen sich nicht so leicht auf die Straße verlegen wie Container oder Düngemittel. Doch bei anderen Gütern zeigen die neuen Routen bereits Wirkung.

Genau darin liegt die eigentliche wirtschaftliche Botschaft dieses Vorgangs. Die Weltwirtschaft erweist sich selbst unter extremen Bedingungen als anpassungsfähiger, als viele zunächst vermutet hatten. Wo ein zentraler Seeweg wegbricht, entstehen unter hohem Druck Landbrücken, Ersatzhäfen und improvisierte Netzwerke.

Ein logistischer Ausnahmezustand mit globaler Wirkung

Der Analyst Peter Harrison von CRU sprach sogar von „Saudi-Arabiens logistischem Wunder“. Diese Formulierung mag zugespitzt sein, trifft den Kern aber erstaunlich gut. Denn was dort geschieht, ist tatsächlich eine logistische Ausnahmeleistung: 3500 Lkw, 7000 Fahrzeuge pro Tag an einem Hafen, ein Sprung bei Containern von 2000 auf 50.000, dazu 900 Neueinstellungen in zwei Wochen.

All diese Zahlen zeigen, dass Saudi-Arabien die Blockade von Hormus nicht einfach hinnimmt. Das Königreich baut mit hohem Tempo ein Ersatzsystem, das zwar die ausgefallene Seeroute nicht vollständig ersetzen kann, aber einen beträchtlichen Teil des Handels rettet. Genau darin liegt die Tragweite dieses Vorgangs. Die Straße von Hormus bleibt blockiert, aber der Handel sucht sich mit brachialer Geschwindigkeit neue Wege durch die Wüste.